Nachschlag?
Nach den paar mehr und den vielen weniger geistreichen Comments zu meinem letzten Artikel, komme ich nicht umhin mir mal etwas mehr Gedanken über Sadismus zu machen. Naja, viel zu denken gibt es da für mich nicht mehr. Die Gedanken sind schon älter, ich wollt sie nur mal in die Welt schleudern…
Sadismus!
Wenn man, allem anschein nach, so manchen glauben schenken darf, sind alle Sadisten krank und zählen nicht zu den normalen Menschen. Den Göttern sei Dank, glaube ich den Wenigsten. Was ist denn überhaupt ein Sadist?
“Als Sadismus im medizinischen Sinn bezeichnet man die Tatsache, dass ein Mensch (sexuelle) Lust oder Befriedigung dadurch erlebt, andere Menschen zu demütigen, zu unterdrücken oder ihnen Schmerzen zuzufügen. In gewissem Rahmen kann sich Sadismus auch durch z. B. tierquälerische Handlungen ausdrücken.
Der Begriff Sadist wird heutzutage im allgemeinen Sprachgebrauch auch für Personen verwendet, welche sich am Leid anderer erfreuen können.”
Vielen Dank Wikipedia. Schön gesagt. Nur was soll das bedeuten? Wo ist da, die viel rezitierte Verstümmelung und Tötung von Menschen? Steht nicht in der Definition mit drin.
Hm… soll das wohl bedeuten, dass es unterschiedliche Ausprägungen von Sadismus gibt? Definitiv ja. Alle Anhänger von BDSM freun sich bestimmt, wenn sie mit Mengele, Manson (nicht der Musiker!) und anderen derartigen Gestalten auf eine Stufe gestellt werden. Aber wir können ja Abstufungen machen und können von daher mal einfach die armen SMler auf eine andere Stufe stellen…
Dass Sadisten die verstümmeln und töten, psychisch gestört sind, darin sind wir uns wohl alle einig.
Wie steht es denn nun mit den anderen Sadisten (zu denen ich mich im übrigen selbst zähle)? Die Sadisten da draussen, die auch einen Lustgewinn aus dem Zufügen von Schmerz und Demütigung erfahren. Und ja, ich sage auch, denn wenn sie ohne nicht könnten, ist das auch nicht gesund.
Sind wir auch alle krank? Ich hoffe mal nicht und die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung gibt uns da Recht. Denn, wenn wir davon ausgehn, dass die Sadisten krank wären, müsste die ja wohl auch davon ausgehn, dass die Masochisten nicht besser dran sind. Und damit hätten wir dann wohl ein weit grösseres Problem, als so manch einem lieb ist. Denn es wird geschätzt, dass zwischen 9 und 25% der Weltbevölkerung irgendeine der beiden Neigungen vertreten. Huch… 25%, das wäre ja ein Viertel. Gehen wir spasseshalber mal einfach von den 25% aus, für mich der Idealwert wegen höherer Partnerauswahl, für andere wohl ein absolutes Horrorszenario. Und gehn wir mal weiter davon aus, dass die Verteilung von Sadisten und Masochisten 50:50 betragen würde. Damit hätten wir ein Achtel der Welt mit einer Vorliebe für Sadismus. Ein Achtel… klingt irgendwie nach nicht sehr viel, oder? Dann anders. Das wären dann theoretisch 862 500 000 Menschen. Das ist fast das Doppelte aller Einwohner Europas, oder fast drei mal die gesamten U.S.A…
Ganz so Viele sind es dann aber nicht. Schade…
Erfahrungsgemäss, kann ich euch zum Beispiel sagen, dass Luxemburg da sehr schwach besiedelt ist. An dieser Stelle könnt man ja mal einen Aufruf an all die weiblichen Masochisten in Luxemburg starten… Hm… Nein… Irgendwie geht da ja der Rausch der Jagd verloren…
Warum aber, gibt das Ausüben von sadistischen Handlungen, jedweder Art, den Herrn, Sirs, Lords und wie auch immer sie nun gern angesprochen werden wollen überhaupt einen Lustgewinn? Gute Frage, nächste Frage.
Nein, ehrlich, ich weiss es nicht. Nach Jahren bin ich zur Überzeugung gekommen, dass das Schlüsselelement, dieser ganz spezifische Punkt der Lust bereitet, bei fast jedem anders ist. Bei mir ist es das Machtgefühl, das nach bestimmten Reaktionen des jeweiligen (wollt ich im übrigen auch mal sagen!) freiwilligen!!! Partners aufkommt. Noch nicht mal zwangsläufig Sexualpartner. Ja, das dürfte wohl einige da draussen überraschen. Bei BDSM geht es nicht nur um Sex, zum Teil noch nicht mal um Sex.
Wie merkt man denn jetzt, dass man Sadist ist? Blöde Frage, man weiss es einfach. Die Frage ist eher, ist man ehrlich genug zu sich selbst, es sich gegenüber zuzugeben?
Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele SMler, das gleiche Problem wie Homosexuelle haben. Durch Konventionen unserer Gesellschaft, gibt es immer noch eine, mittlerweilen bei BDSM, noch stärkere Stigmatisierung. Ja, nachdem Homosexualität so langsam als Tabu zerbröckelt, muss man sich wohl ein neues Feindbild suchen über das man nicht spricht. Also haben auch SMler ein Comming-Out. Nein, dies hier ist nicht meins. Dafür hab ich zu spät mit bloggen angefangen…
Hm… ich könnt euch ja noch ein bisschen mit Details aus meinem Erfahrungsschatz abschrecken, aber irgendwie, geht euch das ja eigendlich nen Scheissdreck an. Ich wollt nur mal kurz drauf aufmerksam machen, dass man wohl nicht mal so mit den Wörtern “Sadist” oder “Sadismus” um sich schmeissen sollte, ohne sich mal entsprechend mit den Begriffen auseinandergesetzt zu haben.
In diesem Sinne:
Darfs noch ein Nachschlag sein?
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This entry was posted on May 4, 2010 at 10:03 pm and is filed under BDSM, Leben, Philosophie des Bären, Sex . You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed You can leave a response, or trackback from your own site.

May 4, 2010 at 10:21 pm
Oh Götter! Sex und Gewalt in einem einzigen Post vereint. Na wenn das mal gut geht….
May 4, 2010 at 10:41 pm
“…ein Mensch der Befriedigung dadurch erlebt, andere Menschen zu demütigen, zu unterdrücken oder ihnen Schmerzen zuzufügen.”
Wenn wir von dieser Defintion ausgehen, erhalten unter anderem viele Politiker,Chefs und auch andere Menschen in weniger hohen Rängen einen zusätzlichen Titel
May 5, 2010 at 10:59 pm
Interessanter Artikel, hoffentlich verläuft die Diskussion etwas fruchtbarer. Die Frage, ob Sadismus “krank” ist, ist recht unspektakulär geklärt. Laut der ICD-10-Klassierung der WHO fällt Sadomasochismus unter F65.5 “Störung der Sexualpräferenz”. Auch Transexuellen und Fetischist_innen sind laut diesen Definitionen “krank”. Ich vermute mal sehr stark, dass vor noch einigen Jahren Homosexualität auch als Krankheit galt.
Und da ist der Knackpunkt, der wohl viele (nicht alle!) psychische “Krankheiten” angeht: sie werden deshalb als Krankheiten definiert, weil sie von der Norm abweichen. Pädophillie war im alten Griechenland durchaus als etwas “normales” angesehen. Heute ist sowas mit Recht(!) undenkbar. Was ich damit sagen will: Jede Gesellschaft hat ihr Wertesystem, mit dem sie auch (vermeintliche) Krankheiten definiert.
Ein Comming-Out von BSDMler_innen wäre gesellschaftspolitsch also durchaus zu begrüßen.
Natürlich spielt die Freiwilligkeit eine große Rolle. Und selbst wenn diese gegeben ist, kann nicht alles erlaubt sein. (Verstümmlungen, usw.) Ich glaube jedoch, dass die meisten BDSMler_innen das ganz gut im Griff haben. Spaß soll das ganze ja auch noch machen
Inwiefern findest du eine Unterteilung in “sexuell/lustgewinn- motivierten Sadismus” und “gewalttätigen Sadismus” sinnvoll?
May 6, 2010 at 12:01 am
Und eben bei der ICD-10 scheiden sich schon die Geister. Was hier noch als Störung des Sexualverhaltens genannt wird, ist laut der DSM IV der American Psychiatric Association nicht mehr als Krankheit einzustufen. Wer hat nun Recht? In dubi pro reo ist meine Meinung.
Die Unterteilung halte ich in sofern für sinnvoll, da man irgendwo (wenn wir denn jetzt davon ausgehn, dass SMler nicht unter einer Krankheit leiden!) eine Trennlinie ziehen muss, zwischen dem pathologischen und dem, wie du es nennst “sexuell/lustgewinn-motiviertem Sadismus” (mir fällt auch keine bessere Beschreibung ein, aber irgendwie stört mich dieser Ausdruck…).
) sehr schwer fällt BDSM zu verstehn…
Unter SMlern gilt, sofern nicht, wie überall möglich, Unvernunft und Sorglosigkeit mitspielen, die eiserne Grundregel, dass man immer auf der sicheren Seite stehn soll, also Unfälle vermeiden soll. Auch gibt es einige psychologische Phänomene, die unter Umständen eintreten können und auf die es zu achten gilt, weshalb allgemein einige Sicherheitsgrundregeln eingehalten werden sollten.
Die Freiwilligkeit spielt die grösste Rolle. Ohne Einwilligung ist und bleibt es Vergewaltigung und Körperverletzung. Interessanterweise macht das britische Gesetz keinen Unterschied ob mit oder ohne Einwilligung.
SM ist nichts, was man jetzt bei jedem ONS machen sollte/könnte, da meiner persönlichen Meinung nach sehr viel Vorbereitung drinstecken sollte und möglichst detaillierte Vorgespräche stattgefunden haben sollten. Danach ist es in der Hand der Beteiligten (man muss ja nicht immer nur zu 2 sein), wie weit es denn gehn darf. Da gibt es innerhalb der Szene bereits sehr viele Abweichungen, angefangen bei fesseln und leichten Schlägen, über handfeste Striemen, bis hin zu Oberflächenschnitten der Haut. Insofern wäre auch eine genauere Definition von Verstümmelungen angebracht. Für mich wären Schnitte zum Beispiel schon durchaus eine Verstümmelung, für die, die es mögen wohl eher nicht. Obwohl ich mich nicht darauf verlassen würde…
Irgendwo, soll es schon Spass machen, aber Spass ist genau wie Sex nicht vordergründig bei BDSM. Die einen brauchen das Gefühl der Macht, die anderen das Gefühl der Auslieferung und der Hingabe und diese Gefühlsstadien zu erreichen ist zum Teil gar nicht mal so einfach. Es geht um eine Art von Befriedigung (nicht sexueller Natur) die sehr schwer in Worte zu fassen ist und an deren Erklärung sich schon viele seit Jahrhunderten die Zähne ausbeissen. Wohl ein Grund mehr, warum es Vanillas (Menschen die nichts mit BDSM zu tun haben. Keinesfalls eine Wertung, lediglich eine Feststellung, dass die meisten Menschen eben keine SMler sind und die meisten Vanilleeis mögen